Mo 07.12.2026 - 19 Uhr
ACC Galerie Weimar (Burgplatz 1+2)
Der Vortrag entwickelt eine feministische Kritik des Surrealismus, die über die Feststellung männlicher Dominanz der Gruppe um André Breton hinausgeht. Neben der ungleichen Partizipation und der verzögerten Kanonisierung von Künstlerinnen wie Leonora Carrington, Meret Oppenheim, Claude Cahun, Dora Maar, Dorothea Tanning, Unica Zürn, Frida Kahlo, Leonor Fini, Louise Bourgeois und Alice Prin geraten die ästhetischen und theoretischen Grundannahmen des Surrealismus selbst in den Fokus. Ausgehend von Xavière "Gauthiers Surrealismus und Sexualität. Inszenierung der Weiblichkeit" (1971) wird ein struktureller Widerspruch rekonstruiert: Die Bewegung erhebt Sexualität zum konstitutiven Prinzip – Erotik als Inhalt, Ziel und bevorzugte Waffe gegen bürgerliche Moral –, hält gleichzeitig aber an einem mythisch überhöhten Liebesideal fest. Diese Spannung produziert die Sehnsucht nach einem imaginären „Total-Objekt“, das in der Frau verkörpert wird, und prägt die Bildpolitik der Traumbilder, Collagen und Objekte: der weibliche Körper erscheint als Rätsel, Muse, Orakel – zugleich fragmentiert, fetischisiert und zur Projektionsfläche männlichen Begehrens gemacht.
Die surrealistische Ästhetik der beunruhigenden Fremdheit erotisiert Dinge und Sprache: Alltagsobjekte „lieben sich“, Mechaniken werden lustvoll entgrenzt, Tabus werden durch schamlose Sprachspiele attackiert. Skandal dient als revolutionäre Strategie – von der Sexualisierung profaner Gegenstände bis hin zur Internationalen Ausstellung 1959/60 mit Erotik als Leitmotiv. Doch Gauthier zeigt die Ambivalenz dieser Taktik: Das Schockmoment oszilliert zwischen erotischem Effekt und politischem Anspruch; seine museale Einhegung stellt die behauptete Sprengkraft infrage. Hinzu kommen politische Widersprüche der Bewegung, etwa der brüchige Bezug zur kommunistischen Linken und exemplarisch Dalis Skandalisierung bei gleichzeitiger Akzeptanz autoritärer Regime. Im Kontrast dazu ordnen die marxistischen Surrealisten Sexualität dem Klassenkampf unter – mit der Folge, dass Frauen als Arbeitskräfte, Mütter und Soldatinnen funktionalisiert werden und emanzipatorische Reformen konjunkturell wieder zurückgenommen werden.
Vor diesem Hintergrund kritisiert der Vortrag die männlich kodierte Blickökonomie des Surrealismus: Automatismus, das „Wunderbare“ und das Unheimliche werden zu Apparaturen, die weibliche Subjektivität in Rollen der Muse, Geliebten oder des passiven Traumwesens einschreiben. Zugleich macht er Gegenmodelle sichtbar, in denen Künstlerinnen diese Grammatik unterlaufen – etwa Cahuns performative Selbstentwürfe, Oppenheims ambivalente Objekte, Maars Fotomontagen, Tannings psychosexuelle Architekturen oder Carringtons mythopoetische Re‑Codierungen. Der Surrealismus erscheint so nicht als zu verwerfender Block, sondern als konflikthaftes Archiv, in dem das Versprechen ästhetischer und erotischer Befreiung an geschlechtsspezifischen Asymmetrien bricht. Die feministische Kritik plädiert für eine Re‑Kartierung des Kanons, in der Beiträge von Künstlerinnen nicht nur nachträglich gewürdigt, sondern als theoretische Korrektive begriffen werden, die die Voraussetzungen surrealistischer Praxis selbst verändern: Eros ohne Fetischisierung, Provokation ohne Objektivierung, Freiheit ohne den Mythos eines „Total-Objekts“ Frau.
Daniel Gönitzer arbeitet am Institut für Theater-, Film- und Medienwissenschaft der Universität Wien, beschäftigt sich mit Werk und Leben von Walter Benjamin, arbeitet zu den Avantgardebewegungen der Kunst und zu Fragen der Ästhetik.