Surrealismus und Gesellschaftskritik
Der Surrealismus entstand in den 1920er Jahren als Reaktion auf die Erfahrung des 1. Weltkriegs und in der Absicht, die herrschende Rationalität einer Kritik zu unterziehen. Dafür widmeten sich die Surrealist:innen dem Unbewussten, den Träumen, dem scheinbar Irrationalen und den Randgebieten der Gesellschaft. Es ging ihnen um die Verwirklichung der Poesie, was für sie eine Ablehnung des Status Quo und der herrschenden Gesellschaftsordnung implizierte. In ihren Bestrebungen näherten sich die Surrealist:innen zeitweise der Kommunistischen Partei Frankreichs an, mit der es bald darauf jedoch wieder zum Bruch kam. Bis auf wenige Ausnahmen stellten sich die Surrealist:innen gegen den Faschismus ihrer Zeit - viele von ihnen beteiligten sich an antifaschistischen Kämpfen und ihre Lebenswege waren von Flucht und Exil geprägt. Ihre Aufmerksamkeit für die Mythen des Alltagslebens sensibilisierte sie für die reaktionären Formen mythologischen Denkens in der Politik. Bis heute stellt sich die Frage, ob sie selbst dem mythischen Denken unterlagen.
Im Herbst 2026 widmet sich die Veranstaltungsreihe Kunst, Spektakel & Revolution in vier Veranstaltungen dem Surrealismus und seiner Rezeption. Dabei soll es auch um die Psychoanalyse gehen, die aus einem ähnlichen Erfahrungshintergrund entstanden war und wichtige Motive für den Surrealismus lieferte. Gleichzeitig soll es auch um eine Kritik des Surrealismus gehen - insbesondere im Bezug auf das Geschlechterverhältnis.
Die Reihe ist eine Kooperation des Bildungskollektivs mit der ACC Galerie Weimar und wird unterstützt von der Rosa-Luxemburg-Stiftung Thüringen.
Die diesjährige KSR-Veranstaltungsreihe beschäftigt sich mit Surrealismus und Gesellschaftskritik. Die Reihe behandelt die Entstehungsbedingungen der Psychoanalyse, Surrealismus und Antifaschismus im Frankreich der 1930er Jahre, die Surrealismus-Rezeption von Elisabeth Lenk und stellt eine feministische Kritik des Surrealismus zur Diskussion. Da der Surrealismus innerhalb von Kunst, Spektakel & Revolution bereits Thema gewesen ist, findet innerhalb der diesjährigen Reihe keine einführende Veranstaltung zum Surrealismus statt. Wenn ihr euch im Zuge der Reihe einführend oder vertiefend mit dem Surrealismus beschäftigen wollt, sind hier Tipps zum Lesen und Hören zusammen gestellt.
-
2009, im Rahmen der ersten KSR-Reihe, hat Alexander Emanuely einen Vortrag über den Surrealismus als revolutionäre Bewegung gehalten. Der Mitschnitt des Vortrags kann hier nachgehört werden. Auf Basis dieses Vortrags hat Emanuely außerdem einen Text in der ersten KSR-Broschur veröffentlicht. Im zweiten Band seines Essays Avantgarde behandelt Alexander Emanuely ebenfalls den Surrealismus - insbesondere die surrealistischen Aktivitäten im Angesichts von Faschismus und Zweitem Weltkrieg.
-
Ein Klassiker ist die Geschichte des Surrealismus von Maurice Nadeau. Das Buch stellt vor allem die theoretischen Debatten und Verwerfungen innerhalb der Gruppe um André Breton dar und geht dabei auf einzelne surrealistische Werke und die Texte der La Révolution surréaliste ein. Das Buch ist antiquarisch zu beziehen. Die Ausgaben der surrealistischen Zeitschrift selbst sind kürzlich bei Textem erstmals in deutscher Übersetzung in einer biliophilen Ausgabe erschienen. Ein ausführliches Gespräch mit den Herausgeber:innen und Übersetzer:innen wurde in Ittys Radioséance gesendet: Teil 1 | Teil 2. Ungefähr auf dem Stand von Nadeaus Geschichte des Surrealismus ist die "Lange Nacht" zu André Breton von Manfred Bauschulte: André Breton und der Surrealismus - „Die Suche nach dem Gold der Zeit“. Darin wird insbesondere auf "Nadja" von André Breton sowie den surrealistischen Bezug auf die Liebe und zu den Frauen eingegangen.
-
In der neunten Printausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution hat Chris Weinhold ein ausführliches Essay veröffentlicht, in dem der Surrealismus kritisch gewürdigt wird. Der Text kann hier nun online gelesen werden. Außerdem war Chris Weinhold in einer Ausgabe der Sendereihe Wutpilger-Streifzüge zu Gast und hat dort über den Surrealismus gesprochen - die Sendung findet sich hier zum Nachhören. Ebenfalls in der KSR N°9 ist ein Text von Don LaCoss über surrealistische Aktivitäten im Jahr 1968 in Prag, Paris und Chicago erschienen, der hier gelesen werden kann.
-
Eine wichtige Kritik des Surrealismus hat Raoul Vaneigem, Mitglied der Situationistischen Internationale, im Jahr 1977 veröffentlicht, damals unter dem Pseudonym J.-F. Dupuis: Der radioaktive Kadaver - Eine Geschichte des Surrealismus. Das Buch lotet die Grenzen der surrealistischen Revolution aus, die dem Autor zufolge notwendigerweise auf das Gebiet der Kultur beschränkt bleiben musste. Das Buch ist in deutscher Übersetzung seinerzeit bei Edition Nautilus erschienen, inzwischen nur noch antiquarisch erhältlich, aber im Volltext bei archive.org verfügbar: hier.
-
Eine weitere wichtige Kritik des Surrealismus, vor allem im Bezug auf das Geschlechterverhältnis und die Sexualität, stammt von Xavière Gauthier: Surrealismus und Sexualität - Inszenierung der Weiblichkeit (1971). Das Buch beschränkt sich nicht darauf, festzustellen, dass die surrealistische Gruppe vorwiegend aus Männern bestand, sondern dringt in den Kern der Sache vor, indem es die surrealistischen Bilder und Texte selbst analysiert: "Auch in den surrealistischen Produktionen erscheint sie [die Frau] in den altbekannten vier Gestalten: als pflanzen-gleiches, naiv-unschuldiges Mädchen; als nährende, verstehend-verzeihende Mutter; als gefährlicher, tierhafter Vamp; als idealisierte, unerreichbare Göttin. Selbstverständlich prägen diese Imaginationen des Weiblichen auch die Vorstellungen, die sich der Mann vom Mann macht, insbesondere in der homosexuellen Beziehung." Das Buch ist antiquarisch erhältlich. In seinem Vortrag am 07.12.2026 wird sich Daniel Gönitzer auf dieses Buch beziehen.
-
Von großer Bedeutung für die Rezeption des Surrealismus im deutschsprachigen Raum waren die Arbeiten von Elisabeth Lenk (1937-2022) - u.a. mit ihrer Dissertation über André Breton: Der springende Narziss. André Bretons poetischer Materialismus (1971). Elisabeth Lenks Antrieb ist gut mit der Frage zusammen gefasst, "ob nicht der Surrealismus genau die Praxis war und noch immer ist, die zur Kritischen Theorie paßt, (...) und ob nicht umgekehrt die Kritische Theorie eben die Theorie war und noch ist, auf die hin die surrealistische Praxis angelegt war". Dies führte sie 1994 in einem Vortrag aus, der in dem Sammelband Vernunft und Subversion - Die Erbschaft von Surrealismus und Kritischer Theorie (herausgegeben von Dietrich Hoß und Heinz Steinert im Verlaf Westfälisches Dampfboot, 1996) dokumentiert ist. Der Sammelband ist online bei archive.org verfügbar. Die Kritischen Schriften von Elisabeth Lenk sind gerade in diesem Jahr bei Matthes & Seitz erschienen. In der 22. Ausgabe der Zeitschrift Kultur & Gespenster ist Elisabeth Lenks Text "Eine neue Moral? Die Sade-Rezeption in der Kritischen Theorie und im Surrealismus" wieder abgedruckt worden.
In den Heften und Veranstaltungen von Kunst, Spektakel & Revolution wurden Fragen der Ästhetik immer im Zusammenhang mit praktischer und theoretischer Gesellschaftskritik verhandelt. Dabei spielten auch immer wieder revolutionstheoretische Aspekte eine wichtige Rolle. Im Folgenden sind diejenigen Texte aus den bisherigen neun Printausgaben von KSR zusammen gestellt, die sich explizit revolutionstheoretischen Fragen widmen. Diese Texte können auch in Hinblick auf dei Veranstaltung Revolutionär im Stadtteil? am 30.07.2026 in Erfurt gelesen werden.
- AG Gesellschaftskritik: Proletarität und Revolutionstheorie (KSR N°3)
- L&M: Wer nicht wütend ist, kann nicht denken. (KSR N°5)
- Selina Arthur, Malin Ford, Franziska Trillian: »Wenn wir streiken, steht die Welt still« (KSR N°8)
- Club Communism: Thesen zum Stützpunkt (KSR N°8)
- OJTR: Der Aktivismus als höchstes Stadium der Entfremdung (Beilage zu KSR N°8)
- Lukas Holfeld: Kritik der Aktivismus-Kritik (KSR N°9)
- Vogliamo Tutto: Überlegungen zur Organisierungsfrage (KSR N°9)
Nach der Releaseveranstaltung am 13.07. bei der Radical Bookfair in Leipzig ist es nun offiziell: Die 9. Ausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution ist erschienen. Das Inhaltsverzeichnis ist hier einzusehen - das Heft kann gegen Spende über biko[at]arranca[dot]de bestellt werden.
An einen Teil derjenigen, die im Vorfeld für die KSR N°9 gespendet haben, haben wir bereits Exemplare losgeschickt. Alle anderen bitten wir um noch ein wenig Geduld - die Postsendungen werden in der Woche ab dem 28.07. auf den Weg gehen. In der Zwischenzeit werden die Hefte vom 21. bis 26. Juli auf dem Kantine-Festival zu erwerben sein.
Derzeit sind Heftvorstellungen in Leipzig, Halle und Weimar geplant. Die Termine dafür werden in Kürze bekannt gegeben.
Weiterlesen...Gerade ist die neunte Printausgabe von Kunst, Spektakel & Revolution im Entstehen. Das Inhaltsverzeichnis und das Editorial zur neuen Ausgabe findet ihr hier. Um den Druck der neuen Ausgabe finanzieren zu können, sind wir dringend auf Spenden angewiesen. Unseren Spendenaufruf findet ihr hier.
Weiterlesen...Im November 2024 fanden im Rahmen der Reihe Kunst, Spektakel & Revolution drei Veranstaltungen über den italienischen und russischen Futurismus statt. Im Nachgang sind zwei Ausgaben der Sendereihe "Wutpilger-Streifzüge" entstanden, die Diskussionen dieser Veranstaltungen revue passieren lassen. Außerdem haben wir gerade die Mitschnitte der Futurismus-Reihe veröffentlicht. Das Material zum nachhören findet ihr in unserer Audio-Rubrik.
Weiterlesen...Das Wochenend-Seminar über Isaac Steinberg, das am 1. und 2. Juni als Teil der KSR-Veranstaltungsreihe in Weimar stattfindet, ist auch eine Kooperation mit dem Kantine-Festival. Das Kantine-Festival ist eine Theorie-Veranstaltungswoche, die einmal im Jahr im Sommer in Chemnitz stattfindet. Im Vorfeld der nächsten Kantine organisiert die Crew eine kleine Veranstaltungsreihe unter dem Titel "Plan & Rat", die sich mit Rätedemokratie und Planwirtschaft auseinandersetzt.
Weiterlesen...Gerade hat das "Institut für Radikalisierungsforschung beim Bildungskollektiv" im Unrat-Verlag den Sammelband "Radikalisiert euch! Für mehr emanzipatorische Radikalisierungsprozesse" herausgegeben. Das Buch enthält 13 Texte - u.a. von Felix Klopotek, Ernst Lohoff, Maria Neuhauss -, arbeitet sich am Konzept der Radikalisierungsprävention und der Extremismusdoktrin ab und entwickelt einen positiven Begriff von Radikalität. Außerdem enthält es ein Interview mit Lukas Holfeld über Kunst, Spektakel & Revolution. Infos zum Buch und Bestellung: hier.
Weiterlesen...Am 07.11.2023 ist offiziell die achte Ausgabe des Printmagazins von »Kunst, Spektakel & Revolution« erschienen. Das Heft enthält 15 Texte, umfasst 118 Seiten, erscheint mit einer Extra-Heftbeilage und bemüht sich um einen kritischen Begriff von Öffentlichkeit und Gegenöffentlichkeit. Einen Einblick in das Inhaltsverzeichnis gibt es hier - die Einleitung kann hier gelesen werden. Das Heft kann ab sofort über biko@arranca.de bestellt werden.
An die Spender:innen: Wenn ihr im Vorfeld des Erscheinens für die KSR N°8 gespendet habt - bitte geht sicher, dass ihr uns auch eure Postanschrift geschickt habt. Falls ihr das Gefühl habt, dass ihr übergebührlich lange warten müsst: zögert nicht, uns noch einmal zu kontaktieren.
Weiterlesen...Unter dem Titel »Kultur ist der Kitt« begann am 10.11.2023 eine Veranstaltungsreihe des Infoladens im Conne Island in Leipzig. Die Reihe widmet sich einem kritischen Begriff der Kultur und setzt sich mit verschiedenen Produkten der Kultur und Subkultur auseinander. Einen Überblick über die Veranstaltungsreihe gibt es hier.
Weiterlesen...